Inklusive Bildung für alle
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Anfangs September 2019 fand in Plovdiv, in Bulgarien, ein internationaler Workshop statt. Diese Veranstaltung war das Ergebnis der mehrjährigen Präsenz und der Aktionen der Bewegung ATD Vierte Welt in Südosteuropa, als ein Schritt gegenseitigen Verstehens von verschiedenen Personen und Gruppen, die sich im Kampf gegen die Armut engagieren. Das Treffen behandelte zudem die Erfahrungen der «Mobilen Schule» in Stolipinovo, ebenfalls in Bulgarien.

Während drei Tagen haben dreissig in der Erziehung engagierte Teilnehmer*innen (Eltern, Lehrpersonen, Animator*innen und Mitglieder armutsbetroffener Kommunen und Quartiere aus Belgien, Bulgarien, Frankreich, Ungarn, Rumänien und Serbien die Thematik «Eine inklusive Erziehung für alle» zusammen erörtert. Diese Veranstaltung wurde in fünf Sprachen gehalten.

Während der ersten zwei Tage, tauschten die Teilnehmer*innen in interaktiven Workshops ihre konkreten Lebens- und Arbeits-Erfahrungen aus. Sie erfuhren von den «guten Praktiken» (good practice) eines jeden. :«Ich war betroffen von der Grausamkeit der Lebensbedingungen der Kinder, die auf der Strasse leben.» «Trotz aller Verschiedenheiten zwischen den Ländern – sind die Sorgen der mittellosen Eltern universell.»

Während einer öffentlichen Veranstaltung konnten sie sich ausserdem austauschen mit Lehrpersonen und Eltern des Viertels Stolipinovo in der Stadt Plovdiv. Für einige von ihnen war das eine ungewohnte, die Grenze ihres Quartiers überschreitende Erfahrung und die erste Gelegenheit, sich öffentlich Gehör zu verschaffen.

Anschliessend konnten die Teilnehmenden die Herausforderungen identifizieren, die sich ihnen stellen, und welche sie zusammen mit anderen bearbeiten  wollten. Prioritäten wurden formuliert. Diese haben alle einen gemeinsamen Nenner: Zum Gelingen der inklusiven Erziehung für alle ist die Einbeziehung der Eltern die erste Bedingung, neben der stetigen Bemühung um das Engagement aller andern Akteure in der Erziehung.

Zusammenfassend teilte Elena aus Rumänien ihre Eindrückemit: „Die Zeit hier hat mir geholfen, die Arbeit  aller zu ermessen, die für den Wandel kämpfen. Es sieht nun nicht mehr so düster aus, und ich habe auch eine weitere Perspektive.“

Das Integrationszentrum für Jugendliche - Serbien

Durch die Anwesenheit seiner «Präsenzequipen» sucht das Integrationszentrum für Jugendliche CIJ die Begegnung mit Kindern, Jugendlichen und deren Familien, die in benachteiligten Quartieren von Belgrad leben. In manchen Fällen gehen die Kinder nicht zur Schule, sondern tragen mit kleinen Arbeiten in den Strassen des Stadtzentrums zum Lebensunterhalt der Familien bei. Darum versucht das CIJ die Verbindung der Schulen zu den Familien wiederherzustellen.

Die Kinder können, wann sie wollen, ein Tageszentrum besuchen. Dort werden kreative Aktivitäten wie Gesang, Tanz und manuelles Schaffen gefördert und sie bekommen Unterstützung im schulischen Lernen. Der Dialog mit den Eltern wird in Gang gesetzt, um deren Einverständnis für den regelmässigen Schulbesuch zu erhalten und um die Ausstellung der Identitätsdokumente ihrer Kinder zu veranlassen, falls sie diese noch nicht besitzen.

Ein Bildungsprogramm für Jugendliche ab 15 Jahren und ein Café wurden eingerichtet, um sie mit Berufsausbildungen vertraut zu machen. Dieses Jahr hat einer der Jugendlichen infolge dieser Ausbildung sich um Arbeit im Tageszentrum bemüht, um die Kinder zu begleiten, deren Situation er aus eigener Erfahrung kennt.

Das CIJ hat eine Sensibilisierungskampagne über die Thematik der Ungleichheit und Benachteiligung  organisiert. Alle Teilnehmenden erhalten ein Blatt mit   Wörtern, die die Situation eines Kindes beschreiben. Alle stellen sich auf eine Linie und die Aussagen werden ihnen vorgelesen: «Meine Eltern können lesen und schreiben». Ist die Antwort ja, geht es einen Schritt vorwärts, ist sie nein, bleibt man stehen.
Schnell wird sichtbar, dass manche Kinder mit grossen Benachteiligungen konfrontiert sind, um im Leben voranzukommen und dass sie nicht die gleichen Bildungschancen haben. Diese darstellende  Visualisierung endet mit einem Austausch und der gemeinsamen Analyse, was gefühlt und gelernt wurde.

Die gute Praxis/Good Practice

- Es ist notwendig, nicht allein zu sein um voranzukommen, die Beziehung zur Herkunftsgemeinde nicht verlieren – das ist möglich durch den Kontakt mit andern, die solche Erfahrungen schon gemacht haben, oder mit der Unterstützung der Präsenzequipe,

- Regelmässigen Kontakt mit den Eltern pflegen und sie zuhause besuchen,

- Sich Zeit lassen, um die nötigen Schritte zu planen und auszuführen, die es ermöglichen, die Ungleichheiten in der Bildung zu überwinden.

Die mobile Schule Stolipinovo - Bulgarien

Die Mobile Schule Stolipinovo bietet den Kindern von Stolipinovo, dem grössten multiethnischen und «berüchtigtsten» Stadtteil Bulgariens einen Ort der Kreativität und informeller Bildung. Die Bewohner dieses Viertels erfahren durchwegs Diskriminierung und Ausgrenzung Noch schlimmer ist es in den Barackensiedlungen des Viertels, wo die Lebensbedingungen besonders hart sind.

Die Workshops finden jede Woche in zwei Schulen des Stadtteils und in einer der Barackensiedlungen statt. Die Kurse finden im Freien statt, damit alle Kinder die Möglichkeit haben teilzunehmen. Drei Gruppen haben sich für diese Initiative zusammengetan: Architekturworkshops für Kinder, Discovered Spaces und ATD Vierte Welt.

Das Hauptgewicht liegt auf der handwerklichen Tätigkeit, die den Kindern die Möglichkeit gibt alleine zu experimentieren oder zusammen mit den andern: auf spielerische Weise entstehen dreidimensionale Konstruktionen aus Papier, Karton, Holz, Ton, Schnur und Farben. Gleichzeitig steht ein Raum mit Büchern bereit, und eine körperliche Aktivität wird angeboten, mit der die Kinder von einem Ort zum anderen kommen. Dank der handwerklichen Tätigkeit im «Architekturatelier» lernen sie die Zusammenarbeit mit andern und erarbeiten sich neue Kompetenzen.

Viele dieser Kinder besuchen die Schule nicht regelmässig.  Ein Familienvater spricht für viele andere: «Ich will, dass alle meine Kinder in der Schule lernen können, damit sie nicht weiter im Dreck auf der Strasse leben müssen.» Eine Mutter fährt fort: «Wir wollen damit sagen, dass unser Leben extrem beschwerlich ist. Wir tun unser Möglichstes, um den Unterhalt unserer Kinder zu sichern, aber es reicht nicht. Wir sind erschöpft.»

Das Wichtigste ist, gemeinsam mit den Eltern zu handeln, sich ihrer Unterstützung sicher zu sein – Brücken zu bauen zwischen den Schulen und den Eltern.

Die gute Praxis/Good Practice

- Aktivitäten auf der Strasse organisieren: Kunst und Architektur, Lektüre, Sport,

- Den Kindern schnell sichtbare Erfolgserlebnisse möglich machen. Nützliches für den Alltag selbst herzustellen motiviert die Kinder zur Teilnahme. Das Lernangebot ihren Interessen anpassen,

-  Die Eltern um Unterstützung bitten, sie zur Mitarbeit einladen und ihnen Verantwortung übertragen,

- Regelmässigkeit über längere Zeit hinweg - die gleichen Personen, jede Woche am gleichen Tag - schafft gegenseitiges Vertrauen und begünstigt gemeinsames Handeln.

Die Initiative «Schule – Familien Wohnviertel»
in Frankreich

Diese, vom Sozialzentrum‚ Mosaïque‘ und ATD Quart Monde ins Leben gerufene Initiative verbindet alle Bildungsbeteiligten des Stadtviertels Lille–Fives, einschließlich der Eltern, um gemeinsam allen Kindern zum Erfolg in der Schule zu verhelfen. Acht Jahre Präsenz und Dialog waren nötig, um durch vielfältige Aktivitäten Bedingungen zu entwickeln, die besseres Verstehen und gemeinsames Handeln möglich machen.

In Lille-Fives leben viele Personen in Armut. Lehrpersonen und Eltern verstanden sich nicht. Waren bei Versammlungen zum Schulbeginn Eltern abwesend, interpretierten die Lehrpersonen das als Desinteresse an der Schulbildung ihrer Kinder. Die Eltern ihrerseits waren überzeugt, dass ihre Kinder in den Klassen benachteiligt würden.

Zu den unternommenen Initiativen gehören «die Kurzinterviews zum Dienstag», die den Eltern ermöglichen, sich zu äussern und damit bei den Lehrpersonen beachtet zu werden. Das geht folgendermassen:

- Einmal in der Woche, in diesem Fall am Dienstag, erwartet ein Team die Eltern, die ihre Kinder abholen, am Schuleingang und stellt ihnen eine Frage oder erbittet eine Reaktion zu einem Satz. Die freiwilligen Antworten werden notiert und im Lehrer*innenzimmer veröffentlicht.

- Eine Elterngruppe bespricht sich und wählt den wichtigsten Satz unter denen, die in dieser Woche angesprochen wurden. Die folgende Woche wird diese Aussage auf einem Poster vor der Schule veröffentlicht neben allen Sätzen der vorhergehenden Wochen. Die Eltern werden wiederum um ihre Meinung gebeten.

- So geht es ein paar Wochen lang weiter.

Die gute Praxis/Good Practice

- Mit beiden Parteien – den Lehrkräften in den Schulen und den Eltern - ein gutes Einvernehmen schaffen,

- Möglichkeiten ergreifen zu Diskussion, Austausch und gemeinsamen Unternehmungen,

- Schuldirektoren und Lehrpersonen, um Zustimmung zu bestimmten Aktivitäten in der Schule und auch um Rat und Meinung bitten,

- Bei jedem Schritt Rücksprache mit den Eltern halten und ihr Einverständnis sicherstellen,

-  Die Fähigkeiten und Begabungen der Bewohner des Stadtviertels wertschätzen.

Die Teilnehmenden aus den verschiedenen Gruppen: Belgien (ATD Quart Monde Belgique); Bulgarien (Discovered Spaces, Architektur-Atelier für  Kinder, Center of Hope, Duvar Kollektiv, ATD Quart  Monde); Frankreich (ATD Quart Monde Lille, Centre   social Mosaïque-Lille, ATD Quart Monde Rennes); Ungarn (The Real Pearl Foundation); Rumänien (Parada,  Policy Center for Roma and Minorities); Serbien (Jugendintegrationszentrum); Internationales entrum von ATD Vierte Welt (Forum zur Überwindung der extremen Armut, Tapori, ATD Europa Team).

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